Wochenendseminar: Die antisemitische Revolte gegen das Abstrakte

Mit dem aktuellen Aufleben des Konflikts im Nahen Osten hat der Antisemitismus in seiner aktuellen Gestalt, dem Antizionismus, derzeit Hochkonjunktur. In unserem Seminar möchten wir die Grundlagen für eingreifende Kritik daran vorstellen. Der Antisemitismus zeigt sich als wahnhafte Reaktion auf die kapitalistische Gesellschaft. Vor dem Hintergrund, dass gerade marxistische Erklärungsansätze Ideologie einseitig aus der Ökonomie ableiten, wird besondere Aufmerksamkeit der Bedeutung des Staates bzw. der Gemeinschaft in dieser Ideologie gewidmet. Auch für Linke aller Couleur ist er eine attraktive Denkfigur, da er das vermeintlich Gute, das Konkrete, die „wirklichen Menschen“ dem Abstrakten, den unfassbaren Geldströmen und sachlichen Rechtsverhältnissen als positiv gegenüberstellt: Man denke an ein Wahlplakat der „Linken“ zur Europawahl, das graue Bonzen diffamiert, denen Geld aus der Tasche fliegt, und denen eine bunte, basisdemokratische Menge mit Friedenstauben gegenübergestellt wurde.

Die Veranstaltung soll die Form eines Wochenendseminars haben – gemeinsame Textlektüre, Vorträge und Diskussion beinhalten.

Wann?
30.08.2014, 11:00 Uhr bis 18:30 Uhr
31.08.2014, 11:00 Uhr bis 14:30 Uhr

Wo?
Ziegenledersaal in der Uni Leipzig, neben StuRa im Seminargebäude

Gliederung des Seminars:
1. Antisemitismus – Personifikation des abstrakten Moments der kapitalistischen Gesellschaft im Bild vom verschworenen und raffenden Juden – M. Postone, K. Marx
2. Antizionismus – Verdinglichung der sachlichen Herrschaft im Staat Israel – U. Enderwitz, J. Bruhn
3. Umfassende Alltagsreligion der spätkapitalistischen Gesellschaft – D. Claussen, K. Marx

Das Seminar wird geleitet von Martin Dornis und Micha Böhme. Um den Reader zu erhalten, bitte Martin unter folgender E-Mail-Adresse kontaktieren: martindornis [at] googlemail [dot] com

https://www.facebook.com/events/559386274191011

Zum Ablauf und Nachgang der Kundgebung „Gegen den antijüdischen Krieg und seine Unterstützer“

Am 17. Juli demonstrierten 200 Personen gegen den Krieg der Hamas und den Antisemitismus in Deutschland. Die Veranstaltung verlief friedlich, die antiisraelische Spontandemonstration nicht. Es gab antisemitische Äußerungen sowie Flaschenwürfe gegen israelsolidarische Aktivisten.

Trotz kurzfristiger Mobilisierung fanden sich um 17 Uhr etwa 200 Personen auf dem Willy-Brandt-Platz in Leipzig ein, um gegen antiisraelischen Terror und den grassierenden Antisemitismus in Deutschland zu protestieren. In den Redebeiträgen der Kundgebung Gegen den antijüdischen Krieg und seine Unterstützer wurden die populären Legenden (z.B. „Gewaltspirale“) über den Gaza-Krieg kritisiert und von den aktuellen antijüdischen Ausschreitungen in Europa berichtet. Um 18.35 Uhr wurde die Veranstaltung des Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Leipzig beendet. Zu dieser Zeit hatte sich aus der antizionistischen Kundgebung des AK Nahost des Linken.SDS bereits eine zunächst unangemeldete Spontandemonstration formiert, die durch die Leipziger Innenstadt zog.

Die etwa 80köpfige Gruppe zog unter Sprechchören wie „Frauenmörder Israel“, „Kindermörder Israel“ und „Allahu Akbar“ über den Marktplatz Richtung Wilhelm-Leuschner-Platz. Als mehrere israelsolidarische Aktivisten die Spontanversammlung beobachteten und teilweise mit Sprechchören für Israel und gegen die Hamas bedachten, eskalierte die Aggressivität der antizionistischen Menge, aus deren Mitte immer wieder die Beschimpfung „Scheißjuden“ zu hören war. Die Polizei, die nun um Verstärkungen ersuchte, war mit der Lage sichtlich überfordert und drängte die proisraelischen Demonstranten einige Male ab.
Beim Schillerpark in der Nähe des Wilhelm-Leuschner-Platzes standen sich schließlich etwa 80 israelfeindliche und ca. 20 israelsolidarische Personen gegenüber. Gegen diese wurden teils Gegenstände – mit Wasser gefüllte Plastikflaschen und ein Tablett – geworfen. Ein Antizionist versuchte, einem Aktivisten seine Israelfahne zu entreißen. Kurze Zeit später bedrängten einige Polizisten eine Person, ihre Israelfahne nicht mehr zu zeigen. Um dies durchzusetzen, setzten die Beamten auf unmittelbaren Zwang – Schläge und Pfefferspray – und führten unter dem Beifall der antisemitischen Menge den Fahnenträger in Handschellen ab.

Die überforderte Polizei verlegte sich also durchgängig auf die scheinbar einfachste Lösung: die israelfreundliche Minderheit abzudrängen. Wie bei etlichen Einsätzen im Zuge antiisraelischer Demonstrationen in Deutschland unterschätzte auch die Leipziger Polizei das Aggressionspotenzial der Teilnehmer. Es ist aus politischer Sicht fatal, dass die Leipziger Polizei keine ausreichenden Kräfte vor Ort bereithielt und dann friedliche israelsolidarische Aktivisten bedrängte, statt antisemitische Hassparolen und Ausschreitungen konsequent zu unterbinden. So wird der militante Antisemitismus noch ermutigt, sich weiter hetzerisch und gewaltsam auf den Straßen der Bundesrepublik Geltung zu verschaffen. Vom Protest gegen Antisemitismus wird dagegen wirksam abgeschreckt.