Stellungnahme zur Neuausrichtung des Antirassismus-Referates

Im Antirassismus-Referat der hiesigen Universität geht ein »Kurswechsel« vor sich: Eine verbalradikale Sekte von Anhängern der ›Critical Whiteness‹ hat das Ruder übernommen. Da der Irrsinn dieser Ideologie eigentlich augenfällig ist, wollen wir es im Folgenden bei ein paar prinzipiellen Einwänden gegen den neuen Kurs des Antirassismus-Referates belassen.

Die Rede von Wahrheit ist heutzutage in Verruf geraten. Statt ›Wahrheit‹ – so meint man auch unter Anhängern der ›Critical Whiteness‹ – gibt es nur unhinterfragbare ›Meinungen‹, die jeweils von einem bestimmten ›Sprechort‹ formuliert werden. Wer sich noch darum bemüht, die Kraft der jeweils hervorgebrachten Argumente abzuwägen, wird des »epistemological imperialism« [1] bezichtigt. Diese Position ist eigentlich unter dem Niveau jeder Kritik und hat nicht mehr verdient als Spott und Häme. Folgendes Argument sollte das unmissverständlich klar machen: Angenommen, eine ›Meinung‹ sei von einem anderen Sprechort aus nicht hinterfragbar. Weshalb ist dann der Zweifel an der Meinung, ›dass Meinungen von einem anderen Sprechorten aus nicht hinterfragbar sind‹, ganz unabhängig vom Sprechort nicht gestattet? Die poststrukturalistischen Freunde des Schwarz-Weiß-Denkens können diese Frage nicht beantworten. Denn es gibt einen unauflöslichen Widerspruch zwischen dem Versuch, das Denken auf die Rasse des Denkenden zu reduzieren, und der aufdringlichen Besserwisserei der Apologeten der ›Critical Whiteness‹.

Es ist klar, dass ohne den gemeinsamen Versuch, sich der Wahrheit anzunähern, jede Diskussion unmöglich wird. Bisweilen äußert sich dieses Nicht-Wissen-Wollen dann im Erteilen willkürlicher Redeverbote. Während einerseits gebetsmühlenartig wiederholt wird, dass ›Schwarzsein‹ und ›Weißsein‹ soziale Konstruktionen seien, die nichts mit physischer Erscheinung zu tun haben, ordnet das Antirassismus-Referat unliebsame Gesprächspartner auf Facebook dann doch kurzerhand mithilfe von Profilbildern einer Rasse zu. In der Folge ist es für das Antirassismus-Referat leicht, den Argumenten der rassifizierten Kritiker aus dem Weg zu gehen und unverdrossen bei der unhinterfragbaren eigenen Meinung zu beharren.

»Die Fürsprecher der unitarischen Toleranz«, so bemerkt Adorno, »sind denn auch stets geneigt, intolerant gegen jede Gruppe sich zu kehren, die sich nicht anpaßt: mit der sturen Begeisterung für die Neger verträgt sich die Entrüstung über jüdische Unmanieren« [2]. Selbstverständlich ließ es sich das Antirassismus-Referat auch nicht nehmen auszubuchstabieren, was Adorno damit gemeint haben könnte: Zur Abwehr des Rassismus beharrt das Antirassismus-Referat schlecht liberalistisch auf dem Prinzip der Gleichheit: Kein Volk habe das Recht, irgendwelche Privilegien für sich in Anspruch zu nehmen. In der Konsequenz spricht es sich gegen einen spezifisch jüdischen Partikularismus aus und beruft sich ganz unverhohlen auf Quellen, in denen das israelische ›law of return‹ als rassistische Einrichtung bezeichnet wird, da es nur für Juden gilt. Das Problem an dieser Haltung ist, dass sie »die Einheit der Menschen als prinzipiell bereits verwirklicht« [3] annimmt. Sie abstrahiert davon, dass die Juden real von Hass betroffen sind, und erweist damit letztlich diesem Hass einen wichtigen propagandistischen Dienst. Die Zäune und Mauern, mit denen sich die israelische Gesellschaft gegen Hamas-Kämpfer aus dem Gazastreifen und Selbstmordattentäter aus dem Westjordanland schützt, dienen in dieser Darstellung selbstverständlich als Ausweis der völligen Verdorbenheit des jüdischen Staates.

Die Notwendigkeit eines jüdischen Staates als Schutzraum für die Juden hat sich mit der Shoah unzweifelhaft aufgedrängt. Spätestens nach der Shoah ist es mehr als zynisch zu behaupten, dass irgendein Staat den Schutz der jüdischen Bevölkerung mit Sicherheit gewährleistet. Aus purem Selbstschutz ist es also erforderlich, dass die Juden einen eigenen Partikularismus entwickeln. Im Gegensatz zum Rassismus funktioniert Antisemitismus nämlich nur als eliminatorische Vernichtungsideologie, gegen die sich die Juden nur mit eigener Staatlichkeit verteidigen können. Gerade dafür werden sie vom Antirassismus-Referat kritisiert. Es ist ihnen ein Dorn im Auge, dass Israel ein jüdischer Staat ist, der sich gegen den Versuch zur Wehr setzt, an diesem jüdischen Charakter zu rütteln.

Das Antirassismus-Referat beruft sich primär auf jene Liste angeblich ›diskriminierender Gesetze‹ in Israel, die von ›Adalah – The Legal Center for Arab Minority Rights in Israel‹ herausgegeben wird. Darin wird zum Beispiel die Verwendung des hebräischen Kalenders in Israel, das Verlesen der israelischen Unabhängigkeitserklärung in der Knesset oder der Davidstern auf der israelischen Flagge allen Ernstes als rassistisch bezeichnet [4]. In letzter Konsequenz versucht ›Adalah‹ jede Verbindung von Israel und Zionismus als rassistisch zu stigmatisieren und tritt somit für das Ende von Israel als jüdischem Staat ein.

Der Antisemitismus der poststrukturalistischen Schwarz-Weiß-Denker vom hiesigen Antirassismus-Referat nimmt bisweilen sogar recht offene Züge an: So empfiehlt das Antirassismus-Referat etwa Webseiten (z. B. occupiedpalestine.wordpress.com), auf denen sich auch Propaganda-Videos der Al-Qassam-Brigaden finden, d. h. dem militärischen Arm der islamistischen Terrororganisation Hamas, die offen für den Judenmord und die Zerstörung von Israel eintritt. Es werden auf der besagten Webseite u. a. Terroranschläge auf den Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv angekündigt. Auch Kriegspropaganda von der emotional rührigen Sorte ist dabei. So klagt die der Hamas offenkundig nahestehende Quelle den jüdischen Staat an, einen »Genocide of Gaza’s Children« zu unternehmen. Es ist kaum der Rede wert, dass dies schlicht und ergreifend nicht den Tatsachen entspricht [5], sondern vielmehr eine Neuauflage der antisemitischen Ritualmord-Legende ist.

Wir möchten den Student_innenRat der Universität Leipzig an folgenden Beschluss erinnern, der im Sommer vergangenen Jahres gefällt wurde: »Folgende Positionen sieht der Student_innenRat der Universität Leipzig als antisemitisch und damit nicht akzeptierbar an: […] die Unterstellung Israel begehe einen Genozid an den Palästinenser_innen, die Aberkennung des Existenzrecht Israels, den Aufruf ›Kindermörder Israel‹, der eine Anknüpfung an die antisemitische ›Ritualmordlegende‹ darstellt […]«. Das Antirassismus-Referat hat sich offenbar genau jene Positionen zu Eigen gemacht. Personen, die unter dem Deckmäntelchen des Antirassismus antisemitische Propaganda verbreiten, haben an einer so wichtigen Stelle nichts zu suchen. Wir fordern den Student_innenRat der Universität Leipzig daher auf, die verantwortlichen Personen zur Verantwortung zu ziehen und ihrer Ämter zu entheben.

Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus Leipzig, April 2016

[1] Judith Butler: Bodies That Matter. New York / London 1993. S. 18.
[2] Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Frankfurt am Main 2003. S. 116.
[3] Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main 1988. S. 177 f.
[4] vgl. NGO Monitor: Adalah’s Database of Laws: Imagining Racism to Demonize Israel. In: http://ngo-monitor.org/data/images/File/Adalah_PDF.pdf (abgerufen am 22. April 2016).
[5] vgl. High Level Military Group: An Assessment of the 2014 Gaza Conflict. In: http://www.high-level-military-group.org/pdf/hlmg-assessment-2014-gaza-conflict.pdf (abgerufen am 22. April 2016).

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